Wing Chun
Wing Chun („Ode an den Frühling“) ist ein vermutlich im frühen neunzehnten Jahrhundert entstandener (süd-) chinesischer Kampfkunststil (im Westen oft als Kung Fu bezeichnet).
Der Name der Kampfkunst stammt aus dem Kantonesischen, deswegen gibt es keine eindeutige Romanisierung des Begriffes. Aus markenrechtlichen Gründen und um sich von anderen Schulen und Verbänden abzugrenzen, sind zahlreiche Schreibweisen gebräuchlich, so z. B. Wing Tsun (W.T.), Ving Tsun (V.T.), Wing Tzun, Wing Chung, Wing Shun, Wing Tsung, Wyng Tjun, Ving Chun (VC), aber auch gänzlich andere Namen, wie z. B. Taonamics.
Ein essentieller Bestandteil des Wing Chun ist das Chi Sao („Klebende Hände“, auch Chee Sau genannnt). Chi Sao trainiert in erster Linie die taktilen Reflexe und außerdem Standfestigkeit und Balance, den richtigen Abstand zum Gegner in der Nahdistanz. Erstgenannte sensibilisieren das Gespür für Lücken in der gegnerischen Abwehr, wodurch auch das aktive Provozieren von Fehlern beim Gegner ermöglicht wird.
Chi Sao ist keine eigenständige Technik für den freien Kampf, sondern ein Trainingshilfsmittel. Die Besonderheit am Chi Sao ist, dass der Schüler von den langsameren visuellen Reflexen weg zur taktilen Wahrnehmung hin erzogen wird. Es wird hier davon ausgegangen, dass es in der Nahdistanz, die oft auch als „Trappingdistanz“ bezeichnet wird, nicht mehr rechtzeitig möglich ist, gegnerische Aktionen visuell zu erkennen und abzuwehren. Daher wird mit dieser Trainingsmethodik der Kontakt zum Gegner ausgenutzt, um dessen Aktionen über den schnelleren Sinn der Taktilität erkennen zu können.
Beim Chi Sao stehen sich zwei Trainingspartner in einer festgelegten Ausgangsstellung gegenüber und nehmen mit den Armen Kontak zueinander auf. In der Regel wird dann mit festgelegten Anfangsbewegungen (z. B. „rollende Arme“) begonnen, worauf dann zu freier Anwendung verschiedener Techniken übergegangen wird.
Eine besondere Charakteristik von Wing Chun ist das Denken in Prinzipien. Man könnte sie auch als Weisungen oder Orientierungshilfen bezeichnen. Diese Prinzipien sind bewusst in der reflexiven Befehlsform formuliert, so dass klar definiert ist, was zu tun ist. Ein entscheidender Vorteil ist die Allgemeinheit, Allgemeingültigkeit und Übertragbarkeit der Prinzipien. Beachtet ein Schüler die Prinzipien, so verhält er sich auch in vollkommen unbekannten Situationen korrekt bzw. macht im Normalfall zumindest keine gravierenden Fehler.
Beispielhafte Auswahl an Prinzipien des Wing Chun
Kraftprinzipien:
- Befreie dich von deiner eigenen Kraft.
- Befreie dich von der Kraft deines Gegners.
- Nutze die Kraft des Gegners.
- Füge deine eigene Kraft hinzu.
Kampfprinzipien:
· Ist der Weg frei, stoß vor.
· Ist der Weg versperrt, bleib kleben.
· Ist die Kraft des Gegners zu groß, gib nach.
· Weicht der Gegner zurück, folge.
· Der beste Kampf ist ein vermiedener.
· Die beste Verteidigung ist Gegenangriff.

